Die Schweiz baut sich einen Notausgang aus Microsoft 365
Am 2. September 2026 gab die Bundeskanzlei den Start eines Programms für einen digital souveränen Arbeitsplatz bekannt. Bis Ende 2027 sollen rund 3.000 Mitarbeitende eine eigenständige Arbeitsplatzplattform auf Open-Source-Basis nutzen können. Sie soll parallel zu Microsoft 365 betrieben werden und insbesondere Personen zur Verfügung stehen, die in kritischen Geschäftsprozessen tätig sind.
Das Vorhaben ist bemerkenswert, weil der Bund damit nicht nur über digitale Souveränität spricht. Er investiert in eine praktisch nutzbare Alternative, einen Notausgang, der nicht erst während einer Krise geplant werden muss.
Ein grundsätzliches Ja nach dem Praxistest
Ausgangspunkt des Programms war eine Machbarkeitsstudie der Bundeskanzlei. Diese sollte klären, ob der digitale Arbeitsplatz der Bundesverwaltung grundsätzlich auch mit Open-Source-Software funktionieren kann. Das Ergebnis lautete nach offizieller Darstellung: ja.
Auf dieser Grundlage startet nun eine erste grössere Phase. Die geplante Plattform soll nicht nur eine Textverarbeitung bereitstellen. Unter den von der Bundeskanzlei genannten Office-Kernfunktionen befinden sich E-Mail, Kalender, Dokumente und Präsentationen, Telefonie sowie Audio- und Videokonferenzen. Damit geht es um fast alle Werkzeuge, ohne die ein moderner Verwaltungsarbeitsplatz kaum noch handlungsfähig ist.
Für den ersten Programmabschnitt rechnet der Bund mit Kosten von ungefähr neun Millionen Franken. Die Finanzierung erfolgt aus Mitteln, die das Parlament für den Aufbau einer souveränen Schweizer Open-Source-Plattform für die Büroautomation bewilligt hat. Die gewonnenen Erfahrungen sollen später zeigen, was eine grössere Einführung und der reguläre Betrieb kosten würden.
Die offizielle Mitteilung der Schweizer Bundeskanzlei verbindet das Vorhaben ausdrücklich mit Krisenfestigkeit. Die Bundesverwaltung solle ihre digitale Souveränität und Resilienz erhöhen, um „widerstands- und handlungsfähig“ zu bleiben.
Diese Wortwahl ist entscheidend. Digitale Souveränität ist demnach kein abstraktes politisches Leitbild. Sie soll dafür sorgen, dass staatliche Stellen auch dann arbeiten können, wenn eine bestehende Plattform aus technischen, wirtschaftlichen oder politischen Gründen nicht wie gewohnt zur Verfügung steht.
Die Schweiz wirft Microsoft nicht hinaus
Mehrere zugespitzte Überschriften erwecken den Eindruck, die Bundesverwaltung steige vollständig aus Microsoft 365 aus. Das ist nach den bislang veröffentlichten Informationen falsch. Die neue Lösung soll zunächst parallel zu Microsoft 365 betrieben werden. Auch eine endgültige Entscheidung über einen flächendeckenden Ersatz ist noch nicht gefallen.
Gerade dieser Parallelbetrieb macht das Projekt für Unternehmen interessant. Der Bund versucht nicht, eine komplexe und tief integrierte Plattform über Nacht abzuschalten. Stattdessen soll eine zweite Arbeitsumgebung entstehen, die unabhängig genutzt, praktisch getestet und bei Bedarf ausgebaut werden kann.
Daniel Markwalder, Delegierter des Bundesrats für die digitale Transformation, erklärte gegenüber SRF, das primäre Ziel sei, „eine echte Ausweichlösung zu schaffen und damit unsere Abhängigkeit zu reduzieren.“ Ein vorausgegangener Feldversuch mit rund 170 Personen sei positiv verlaufen. Nun solle die Lösung an 3.000 Arbeitsplätzen Erfahrungen unter realen Bedingungen liefern.
Damit verfolgt die Schweiz einen nüchternen Ansatz: nicht sofortiger Komplettaustausch, sondern Aufbau einer tatsächlich einsatzfähigen Handlungsoption.
Der digitale Arbeitsplatz ist längst kritische Infrastruktur
Ein Ausfall der Bürosoftware klingt zunächst weniger dramatisch als ein Stromausfall oder der Stillstand einer Produktionsanlage. Inzwischen sind die Grenzen jedoch fliessend. Wenn E-Mail, Kalender, Dateien, Chat, Videokonferenzen und Benutzeranmeldung von derselben Plattform abhängen, kann eine Störung grosse Teile einer Organisation gleichzeitig treffen.
Der Microsoft-365-Ausfall vom 31. August 2026 hat dieses Risiko gerade erst sichtbar gemacht. Eine zentrale Authentifizierungskonfiguration beeinträchtigte nicht nur Exchange Online, sondern zeitweise auch Teams, OneDrive for Business, SharePoint, Microsoft Graph, Purview, Defender XDR und das Microsoft 365 Admin Center.
Für eine Behörde oder ein Unternehmen stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie wahrscheinlich ein Ausfall ist. Wichtiger ist die Frage, was danach noch funktioniert. Sind Kontaktlisten ausserhalb des betroffenen Systems erreichbar? Können Mitarbeitende weiterhin auf wichtige Dokumente zugreifen? Existiert ein unabhängiger Kommunikationskanal? Und kann die eigene IT überhaupt eingreifen?
Wer sämtliche Arbeitsprozesse in einer einzigen Plattform bündelt, erhält Komfort und einheitliche Bedienung. Gleichzeitig entsteht eine gemeinsame Fehlerquelle. Die Plattform wird nicht nur zum Werkzeug, sondern zur Voraussetzung dafür, dass die Organisation überhaupt arbeiten kann.
Open Source schafft Möglichkeiten – aber nicht automatisch Souveränität
Die Veröffentlichung des Quellcodes allein macht eine Lösung weder sicher noch ausfallsicher. Open-Source-Software braucht genauso Updates, Überwachung, klare Verantwortlichkeiten und eine verlässliche Finanzierung wie proprietäre Software. Schlecht gepflegte offene Komponenten können ebenso zum Risiko werden wie ein geschlossener Cloud-Dienst.
Der strategische Vorteil liegt an anderer Stelle: Offener Quellcode, dokumentierte Schnittstellen und offene Dateiformate können es erleichtern, den Betreiber zu wechseln, die Software auf eigener Infrastruktur einzusetzen oder Anpassungen unabhängig von einem einzelnen Hersteller vorzunehmen.
Auch die Open-Source-Strategie der Europäischen Union stellt offene Lösungen in den Mittelpunkt technologischer Souveränität. Gleichzeitig benennt die EU ausdrücklich die Herausforderungen: langfristige Pflege, Finanzierung, Skalierung und Sicherheitsmanagement müssen dauerhaft gewährleistet werden.
Souveränität entsteht daher nicht durch ein Etikett. Sie entsteht durch Architektur, Verträge, Wissen und reale Wechselmöglichkeiten.
Welche Rolle spielt On-Premises?
Eine souveräne Arbeitsumgebung muss nicht zwingend vollständig im eigenen Gebäude betrieben werden. Entscheidend ist, wer Infrastruktur, Schlüssel, Identitäten, Daten und Wiederherstellung kontrolliert. On-Premises ist jedoch eine besonders direkte Möglichkeit, diese Kontrolle zurückzugewinnen.
Stehen zentrale Systeme im eigenen Unternehmen, können Dateiablage, Kalender, Kontakte und interne Zusammenarbeit auch dann im lokalen Netzwerk verfügbar bleiben, wenn ein externer Anbieter oder die Internetverbindung ausfällt. Die Organisation kann selbst festlegen, wann Updates installiert werden, wo Sicherungen liegen und wer administrativen Zugriff erhält.
Diese Freiheit bringt Verantwortung mit sich. Eigene Infrastruktur benötigt überwachte Systeme, redundante Datenträger, getrennte Backups, dokumentierte Wiederanlaufverfahren und Menschen, die im Ernstfall handeln können. Ein Server im Abstellraum ist noch keine resiliente IT. Professionell betriebene lokale Infrastruktur kann dagegen eine belastbare Grundlage für betriebliche Unabhängigkeit sein.
Für viele kleine und mittlere Unternehmen muss die Entscheidung deshalb nicht „Cloud oder alles lokal“ lauten. Sinnvoller ist eine Untersuchung der tatsächlichen Abhängigkeiten: Welche Dienste sind geschäftskritisch? Welche davon müssen auch während eines externen Ausfalls funktionieren? Welche Daten sollen das Unternehmen nicht verlassen? Und für welche Funktionen braucht es eine unabhängige Rückfallebene?
Was Schweizer KMU vom Bund lernen können
Ein KMU wird keine neun Millionen Franken für eine zweite Arbeitsplatzplattform ausgeben. Das Prinzip hinter dem Bundesprogramm lässt sich dennoch übertragen.
Erstens sollten kritische Funktionen identifiziert werden. Dazu gehören häufig E-Mail, Dateiablage, Kontakte, Kalender, Telefonie und der Zugang zu Kundendaten. Zweitens muss sichtbar werden, welche dieser Funktionen an denselben Anbieter oder dieselbe Benutzeranmeldung gekoppelt sind. Drittens braucht es für die wichtigsten Prozesse einen technisch unabhängigen Notbetrieb.
Dieser Notbetrieb muss nicht denselben Komfort wie der reguläre Arbeitsplatz bieten. Er muss erreichbar, dokumentiert und regelmässig getestet sein. Eine lokale Kontaktliste, eine unabhängig erreichbare Dateiablage oder ein zweiter Kommunikationsweg kann während einer Störung wertvoller sein als zahlreiche Funktionen, die alle an derselben zentralen Plattform hängen.
Ebenso wichtig ist die Datenportabilität. Unternehmen sollten wissen, in welchen Formaten E-Mails, Kalender, Kontakte und Dateien exportiert werden können. Ein Backup innerhalb derselben Plattform schützt möglicherweise vor versehentlichem Löschen, schafft aber noch keine Unabhängigkeit vom Anbieter.
Digitale Souveränität wird praktisch
Das Programm der Bundeskanzlei beweist noch nicht, dass ein Open-Source-Arbeitsplatz Microsoft 365 in der gesamten Bundesverwaltung ersetzen kann. Genau das soll die erste Phase untersuchen. Auch ist offiziell noch keine konkrete Software-Suite als endgültige Lösung festgelegt worden. Behauptungen über einen bereits beschlossenen vollständigen Wechsel wären daher verfrüht.
Fest steht aber: Die Schweiz behandelt ihre Abhängigkeit inzwischen als reales Risiko und investiert in eine Alternative. Das ist ein wichtiger Wandel. Statt ausschliesslich auf vertragliche Zusagen eines Herstellers zu vertrauen, will die Bundesverwaltung eigene Handlungsoptionen aufbauen.
Für Unternehmen gilt derselbe Grundsatz. Bequemlichkeit ist im normalen Betrieb wertvoll. Im Krisenfall zählt jedoch, ob die Organisation weiterhin auf ihre Daten zugreifen, kommunizieren und Entscheidungen umsetzen kann.
Der Schweizer Notausgang aus Microsoft 365 ist deshalb mehr als ein Softwaretest. Er ist die Anerkennung einer einfachen Wahrheit: Digitale Unabhängigkeit beginnt dort, wo eine Organisation nicht mehr gezwungen ist, auf einen einzigen Anbieter zu warten.